Sibylle v. Olfers – Etwas von den Wurzelkindern

Das über 100 Jahre alte Bilderbuch ist immer noch aktuell

04.07.2008 Elvira Lauscher

Gute Literatur ist zeitlos - das gilt auch für Kinderliteratur. Das Buch von Sybille von Olfers wurde von ihr 1906 geschrieben und liebevoll illustriert. Ein Klassiker!

Altmodisch und doch beliebt – die Wurzelkinder von Sybille von Olfers gehören seit über 100 Jahren in viele Kinderzimmer und werden immer wieder verschenkt. Über 80 Auflagen hat das Buch schon erreicht und rangiert bei den Kinderbuchklassikern ganz weit vorne bei Struwwelpeter und Co. Die in jungen Jahren verstorbene Künstlerin, die durch ein verschlepptes Lungenleiden nicht mehr das 36. Lebensjahr erreichen durfte, hat sich und ihr bekanntestes Buch über den Jahreslauf der Natur damit unsterblich gemacht.

Der Frühling soll kommen

„Wacht auf, ihr Kinderlein, es wird nun bald Frühling sein!“, sagt die Mutter Erde, die ein bisschen wie eine Mischung aus Hexe, Gouvernante und liebevoller Oma wirkt. Damit spiegelt sie natürlich auch den Respekt gegenüber Erziehungspersonen zu Beginn des 20. Jahrhunderts wieder, einen Respekt, den heutige Kinder manchmal mit einer Mischung aus Angst und Achtung betrachten.

Eine weiße Haube über dem Kopf und eine ebenso weiße Schürze über dem erdfarbenen Kleid, stehen für die Schlichtheit der Gestalt, der Schlüsselbund an dem Schnur-Gürtel symbolisiert ihre Macht. Freilich ist es eine schöne Macht, kann sie doch mit diesen symbolischen Insignien die Natur nach dem Winter erwecken, Farbe in die Welt bringen. Dass sie dies mit liebevoller Hartnäckigkeit und Disziplin tut, mag auf den ersten Blick befremdlich wirken. Denn egal ob Wurzelmädchen oder Wurzeljungen – hier wird gespurt. Wenn Mutter Erde freundlich durch ihre Oma-Brille blickt, das Strickzeug auf dem Schoß, dann wuseln Kinder- und Käferlein geschäftig um sie herum.

Vermenschlichung von Blumen und der Natur

Doch das geschieht ja nicht nur, um zu zeigen, dass man folgsam sein muss. Es steckt ein hehres Ziel dahinter: Den Frühling auf die Erde zu holen. Und dazu nähen die kleinen Wurzelmädchen (vermenschlichte Stellvertreter der Blumen) bunte Kleidchen, um ihre braunen Einheitsschlafgewänder abzulegen und die Wurzeljungen malen Käfer und allerlei Getier bunt an oder bürsten einer Biene den Flaum. Die Rollen sind zur Zeit von Sybille von Olfers noch klar festgelegt. Man kann sich natürlich an so vielen altmodischen Werten stören, man kann ein solches Buch aber auch dazu nutzen, um mit Kindern ins Gespräch zu kommen. „Würdest du lieber einen Marienkäfer rot anmalen wollten oder ein schönes, neues buntes Kleidchen nähen und anziehen?“

Ein Buch voller Ruhe und Geborgenheit

Dazu ist es – gerade für die derzeitige Medienkinder-Generation – auch einmal wichtig, gezeichnete Figuren fern von Walt Disney und Manga-Eintönigkeit zu sehen. Die Kinder und auch die personifizierte Mutter Erde haben keine übergroßen glänzenden Augen und Schmollmünder und sie schreien auch nicht „iii“ und „aaa“ und „ächz“, die Bilder erzählen wortlos, nur unterstützt durch die kleinen Reime auf der linken Seite. Dazu haben die Kinder normale Gesichtszüge, wenngleich ein bisschen lieblich und – vielleicht bewusst – ohne eigene Charaktermerkmale. Auch die Umgebung ist ruhig und heimelig, so wie die dampfende Tee- oder Kaffeetasse, die da neben Mutter Erde auf dem Tischchen steht. Auch die Lampe und die Vorhänge sorgen für ein freundliches Daheim-Empfinden. Erdgeborgenheit vermitteln auch die Wurzeln, die das Zuhause der Wurzelkinder sanft umgeben.

Symmetrie und genaue Naturbeobachtung

Ein weiteres Mittel, um ein angenehmes Ruheempfinden beim Betrachter auszulösen, ist die immer wiederkehrende Symmetrie, die oft erst beim zweiten oder dritten Betrachten auffällt. Seien es Baumstämme rechts und links im gleichen Winkel in den Ecken angeordnet oder gemalte Rahmen, die die Bilder umgrenzen und Symbole der jeweiligen Jahreszeit (Libellen, herbstliche Ähren, Heusschrecken oder buntes Laub) enthalten. Die Darstellung der Natur ist äußerst genau, so manche Blume oder manches Insekt könnte man in ein Bestimmungsbuch transformieren. Doch die fröhlich spielenden Blumenkinder bringen Leichtigkeit in die Bilder und zeigen auch, wie man sich an den Wundern der Natur freuen kann.

Resümee: Ein Buch, das gerade wegen seiner altmodischen Bilder und der andersartigen Beschreibung der Natur für interessante Gespräche sorgt.

Lebenslauf Sibylle von Olfers

  • Sie wurde am 8. Mai 1881 in Metgethen bei Königsberg geboren und war das sechste von acht Kindern des Sanitätsrats, Naturforschers und Schriftstellers Ernst von Olfers.
  • Sie erhielt bereits früh Zeichenunterricht und wurde von ihrer Tante, der Malerin und Schriftstellerin Marie von Olfers, in ihrem Talent gefördert.
  • Mit 24 Jahren trat Sibylle von Olfers als Ordensfrau den Schwestern der heiligen Elisabeth in Königsberg bei. Diese ermöglichten ihr, ihre künstlerische Ausbildung an der Kunstakademie in Lübeck fortzusetzen. Anschließend arbeitete sie an einer katholischen Volksschule als Zeichenlehrerin.
  • Bereits ab 1905 schrieb und veröffentlichte Sibylle von Olfers mehrere Bilderbücher – das fraglos bekannteste erschien 1906: „Etwas von den Wurzelkindern“.

Sybille von Olfers: Etwas von den Wurzelkindern. Esslinger Verlag 2007. Durchgehend farbig illustriert, in der Mini-Reprint-Ausgabe ab Euro 4,50, auch als kartonierte Ausgabe und Pop-Up-Buch erhältlich.

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Etwas von den Wurzelkindern, Esslinger Verlag Etwas von den Wurzelkindern
   
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